In einer Solidarischen Landwirtschaft (kurz „SoLawi“) schließen sich landwirtschaftliche Erzeuger*innen mit Verbraucher*innen (den „SoLawi-Mitgliedern“) zu einer Produktionsgemeinschaft zusammen …
Die Mitglieder verpflichten sich in der Regel für ein Jahr, einen bestimmten Monatsbeitrag für ihren Ernteanteil zu zahlen. Je nach SoLawi-Modell kann sich die Höhe des Beitrags an den individuellen Möglichkeiten der Mitglieder orientieren oder für alle einheitlich festgelegt sein. Die Beiträge stellen keinen monetären Gegenwert für einzelne Produkte dar, sondern sollen die Finanzierungsgrundlage für den gesamten Prozess der Lebensmittelerzeugung bilden, einschließlich der Entlohnung für Landwirt*innen bzw. Gärtner*innen. Dabei produzieren SoLawis in der Regel nach Prinzipien der ökologischen Landwirtschaft.[1]
Die erzielte Ernte wird unter allen Mitgliedern aufgeteilt, meist in Form einer wöchentlichen Lieferung bzw. durch Selbstabholung. Dieser sogenannte Ernteanteil enthält in der Regel saisonale und vielfältige Gemüsesorten. In einigen SoLawis gehören zusätzlich Obst, Getreide, Eier, Milchprodukte oder Fleisch zur Produktpalette. In vielen SoLawis gibt es für die Mitglieder außerdem Möglichkeiten der Mitbestimmung und Mitwirkung.
Wie ist Solidarische Landwirtschaft entstanden?
International gibt es historisch gewachsen viele Formen partizipativer Lebensmittelerzeugung. Das SoLawi-Konzept gemeinschaftsgetragener landwirtschaftlicher Betriebe wird in der Literatur jedoch zumeist auf eine Bewegung zurückgeführt, die während der 1960er Jahre in Japan entstand. Unter dem Namen Teikei(japanisch für „Zusammenarbeit“) schlossen sich dort Verbraucher*innen mit ökologisch produzierenden Landwirt*innen zusammen.[2] Parallel zur Teikei-Bewegung entwickelte sich in den USA das Konzept der Community-Supported Agriculture (englisch für „gemeinschaftsgestützte Landwirtschaft“; kurz „CSA“). Dort brachten in den 1980er Jahren die eingewanderten Landwirte Jan Vander Tuin und Trauger Groh ihr Wissen von Höfen in der Schweiz und in Deutschland ein und gründeten die ersten CSAs.[3]
In Deutschland gründete sich 1988 auf dem Buschberghof in der Nähe von Hamburg eine Wirtschaftsgemeinschaft nach den Prinzipien der CSA und gilt damit als erste deutsche SoLawi.
Spätestens mit der Gründung des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft e. V., das sich für den Erhalt, die Förderung und die Verbreitung von SoLawis einsetzt, hat sich der Begriff „Solidarische Landwirtschaft“ durchgesetzt. Heute gibt es knapp 500 SoLawis in Deutschland und auch in vielen anderen Ländern wächst die Zahl stetig an. Eine Übersicht über die SoLawis im deutschsprachigen Raum gibt die interaktive Karte vom Netzwerk Solidarische Landwirtschaft.
Was verspricht das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft?
Im [pane]-Projekt verstehen wir SoLawi als eine Form partizipativer und nachhaltiger Lebensmittelerzeugung. Partizipation, das heißt Teilhabe, spiegelt sich nicht nur in der gemeinschaftsgetragenen Finanzierung des landwirtschaftlichen Betriebs wider. In vielen SoLawis erhalten Mitglieder Einblick in den Erzeugungsprozess, helfen – teils auf freiwilliger, teils auf verpflichtender Basis – bei den gärtnerischen oder organisatorischen Aufgaben und beteiligen sich an Planung und Entscheidung. Manche SoLawis verstehen sich als Lern- und Erfahrungsraum, in dem Kinder und Erwachsene mit der Natur in Kontakt kommen und über Lebensmittelerzeugung lernen können.
Das SoLawi-Konzept verspricht daher, Menschen mit gesunden, vielfältigen Lebensmitteln zu versorgen, ihr Wissen bzw. ihre Fähigkeiten zu erweitern und ihr Wohlbefinden zu stärken. Aber nicht nur die Mitglieder, sondern auch die Landwirt*innen bzw. Gärtner*innen profitieren vom SoLawi-Konzept. Die Mitgliedsbeiträge ermöglichen dem Betrieb potenziell eine hohe finanzielle Sicherheit, bessere Planbarkeit, größere Gestaltungsspielräume und Unabhängigkeit von Marktentwicklungen. Viele SoLawis setzen sich auch für faire Entlohnungen und Arbeitsbedingungen ein. Aus Perspektive des [pane]-Projekts kann eine gesamte Region durch eine Solawi-Initiative gewinnen. Insbesondere in ländlichen Regionen kann SoLawi die Lebensqualität und den sozialen Zusammenhalt in der Gemeinde stärken sowie zu regionaler Wertschöpfung und nachhaltiger Regionalentwicklung beitragen. SoLawi verspricht somit sowohl soziale als auch ökonomische Nachhaltigkeit.[4]
Auch wenn das SoLawi-Modell keine bestimmte Anbauweise beschreibt, zeichnen sich die landwirtschaftlichen Praktiken in den Betrieben durch hohe ökologische Nachhaltigkeit aus.[5] Die Planungssicherheit erlaubt es den Landwirt*innen und Gärtner*innen, ökologisch tragfähig zu wirtschaften. Viele SoLawis folgen dabei Prinzipien ökologischer und regenerativer Landwirtschaft: Sie bauen vielfältige und seltene Sorten an, reduzieren den Einsatz von Pestiziden, vermeiden Überdüngung, halten ihre Tiere möglichst artgerecht und ergreifen Maßnahmen zur Förderung der Bodengesundheit. Einige SoLawis verzichten zudem gezielt auf den Einsatz großer Maschinen und fossiler Energieträger.
[1] Für mehr Informationen hierzu siehe Halbach, A.-L. & Beyerl, K. (im Druck). Psychologie im Gemüsebeet: Transdisziplinäre Forschung mit Menschen aus der Solidarischen Landwirtschaft. In M. Gorki, C. M. Hausmann, S. Krenzer, S. Kuhn, I. Lillich, J. Neumann, L. Reuter, A. Stammnitz & K. Wollner (Hrsg.), Kritische Umweltpsychologie. Krisen verstehen, Handlungsfähigkeit entwickeln, Psychosozial-Verlag.
[2] Siehe hierzu Kondoh, K. (2015). The alternative food movement in Japan: Challenges, limits, and resilience of the teikei system. Agriculture and Human Values, 32, 143–153. https://doi.org/10.1007/s10460-014-9539-x
[3] Siehe hierzu Kraiß, K., & van Elsen, T. (2008). Community Supported Agriculture (CSA) in Deutschland. Lebendige Erde, 2(1), 44–47. http://lebendigeerde.de/fileadmin/lebendigeerde/pdf/2008/Forschung_2008-2.pdf
[4] Siehe hierzu Egli, L., Rüschhoff, J., & Priess, J. (2023). A systematic review of the ecological, social and economic sustainability effects of community-supported agriculture. Frontiers in Sustainable Food Systems, 7, 1136866. https://doi.org/10.3389/fsufs.2023.1136866
[5] Siehe Egli et al. (2023).